603 Bundestagsabgeordnete und der Kameraschwenk durch den Plenarsaal zeigt leere Bänke.
Etwa zehn Prozent der gewählten Parlamentarier sitzen vorne und debattieren heftig.
Wo ist der Rest?
Und schon kocht der "heilige Zorn" manches Bürgers über die mangelnde Präsenz.
Ein Thema, dass bei den etwa 30 Besuchergruppen, die ich jährlich durch den Reichstag führe, immer wieder aufkommt.
Der Bundestagsabgeordnete arbeitet in Wechselschicht.
Im Parlament, der Werkstatt unserer Demokratie ist er auf Montage.
Es wechseln Wahlkreiswochen mit Parlamentswochen an denen Präsenzpflicht für jeden Abgeordneten in Berlin herrscht.
In den Oster-, Sommer- oder Winter"pausen", an den Wochenenden arbeitet der Volksvertreter in seinem Wahlkreis.
Doch wie läuft eine Parlamentswoche ab?
Montag gegen 15 Uhr:
Eintreffen in Berlin, Gespräche mit den Mitarbeitern über die anstehende Woche, Termine, Parlamentarische Initiativen, Eingaben aus dem Wahlkreis müssen bearbeitet werden.
Um 19:30 Uhr trifft sich die Landesgruppe Nordrhein-Westfalen um die Themen der Woche zu diskutieren und eine NRW-Sicht abzustimmen.
Immerhin ist die Landesgruppe der CDU so stark wie die Landesgruppe der CSU, folglich ein Machtfaktor, der das Klima in der Fraktion maßgeblich bestimmt.
Dienstag, 9 Uhr:
Arbeitsgruppe um 9:30 Uhr.
Zu jedem Ministerium gibt es einen Fachausschuss und zu jedem Fachausschuss eine Facharbeitsgruppe der Fraktion, die am zweiten Parlamentstag die Themen der Woche bearbeitet.
Als Mitglied im Bundestagsausschuss Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung gehöre ich zur Bildungs- und Forschungsgruppe um Katherina Reiche.
Eine junge Abgeordnete aus Brandenburg.
Für die Gesamtfraktion bearbeite ich die berufliche Bildung.
Danach geht es zu den Sozialpolitikern der Union, die sich um 14 Uhr treffen.
Weiter in die Fraktion, die über den Rednereinsatz entscheidet.
Wer darf wann zu welchem Thema wie lange für die Union im Plenum sprechen?
Mittwoch, der spannendste Tag:
8 Uhr Petitionsausschuss, der sich mit Bürgerbegehren befasst.
9:30 Uhr in den Bildungs- und Forschungsausschuss.
In dieser 40 köpfigen Runde findet die Hauptarbeit des Parlamentariers statt.
Es hat etwas von Expertokratie, da die Experten der Fraktionen federführend für alle weiteren Ausschüsse über das Votum entscheiden.
Um 14 Uhr kommt die Regierungsbefragung.
Jeder Abgeordnete kann eine Frage schriftlich einreichen, sie wird durch den zuständigen Minister beantwortet, doch es gibt die Möglichkeit der Nachfrage worauf sich der Minister nicht immer vorbereiten kann.
Wird eine Frage nicht beantwortet, so muss sie schriftlich innerhalb einer Woche beantwortet werden.
Also echte Regierungskontrolle durch das Parlament.
Um 15 Uhr findet im Plenum die Aktuelle Stunde statt.
Sie wird 24 Stunden vorher zu einem aktuellen Thema angesetzt.
Jede Fraktion stellt fünf Redner, niemand darf länger als fünf Minuten reden.
Ein kompakter Austausch der Argumente.
Donnerstag ist der erste klassische Plenartag.
Auszug aus der Tagesordnung?
9 Uhr Beginn mit einer Regierungserklärung, 11 Uhr Debatte über eine Parlamentsinitiative "Mülltrennung vereinfachen", 13 Uhr Lage der Menschenrechte in Somalia, 15 Uhr Auswirkungen der Maut auf den Bundesverkehrswegeplan, 17 Uhr "Neue EU-Agrarpolitik", um 19 Uhr geht es um die Hühnerhalteverordnung, die letzte Debatte beginnt gegen 23 Uhr zur Sportförderung.
Hand auf's Herz:
Würden Sie sich von 9 Uhr bis Mitternacht im Plenarsaal alle Reden zu allen Themen anhören?
Gott sei Dank gibt es ein Parlamentsfernsehen, worüber alle Reden in die Büros und Versammlungsräume übertragen werden.
Im Plenum sitzen die Vertreter der Ausschüsse, etwa zehn Prozent des gesamten Bundestages.
Per Lichtzeichen werden die anderen Abgeordneten rechtzeitig zu den Abstimmungen in den Plenarsaal gerufen.
Da die Abgeordnetenhäuser mit dem Reichstag unterirdisch verbunden sind, ist dieser innerhalb von fünf Minuten und ohne Sicherheitskontrollen zu erreichen.
Der Freitag setzt die Plenardebatten fort.
Parallel zum Plenum tagen 150 weiteren Arbeitskreise, Kommissionen und Ausschüsse, es kommen Besuchergruppen und es finden Pressekonferenzen statt.
Gegen 15 Uhr beginnt das Gehetze zu den Zügen, den Autos, zu den Flugzeugen und die Volksvertreter kehren zurück zum eigentlichen Souverän, dem Volke.